Frauenpolitik ist zu wenig!

Für ein neues Netzwerk linker Geschlechterpolitik

Die Frauenbewegung war die treibende Kraft, die Diskriminierung und Benachteiligung von Frauen Schritt für Schritt zum Thema politischer Debatten gemacht hat. Der daraus folgende gesellschaftliche Wandel ist inzwischen unübersehbar. Die Frage, ob die Fortschritte in einigen Lebensbereichen schon ein Paradigmenwechsel sind oder ob die Veränderungen auf der strukturellen Ebene erst noch erkämpft werden müssen, wird unterschiedlich beantwortet. Klar geworden ist jedoch: Wirkliche Veränderungen in den Wertvorstellungen und in den gesellschaftlichen Strukturen sind nur zu haben, wenn der politische Blick dabei nicht mehr nur auf eine wie auch immer definierte Frauenfrage bzw. -politik reduziert wird. Frauen sind anders. Männer auch. Männer müssen sich verändern. Frauen auch. Um den dahinter liegenden Ursachen und Zusammenhängen nachhaltig zu begegnen, gehören beide Perspektiven – und zwar in ihren vielfältigen Wechselwirkungen – ins Blickfeld.

So werden beispielsweise bei der Frage nach gerechter Teilhabe an Bildungschancen in Deutschland einerseits die Probleme vieler Jungen in der schulischen Ausbildung immer stärker sichtbar, während andererseits festgestellt werden muss, dass Frauen oft noch der individuelle Gewinn aus ihrem Bildungserfolg verwehrt wird. Der Vergleich weiblicher und männlicher Erwerbsbiografien spricht da eine deutliche Sprache. Damit wird deutlich: Um die Bildungs- und beruflichen Erfolgschancen für Frauen und für Männer zu verbessern, greifen frauenpolitische Ansätze zu kurz. Jedenfalls zeigen die bisherigen Erfahrungen, dass sie in dieser Verengung nicht einmal für Frauen zum erhofften und erwarteten Erfolg führen. Die Reihe ähnlicher Beispiele ist lang. Erinnert sei hier nur noch an die unterschiedlichen Chancen von Männern und Frauen auf aktive Elternschaft. Während von Frauen noch immer wie selbstverständlich erwartet wird, die Hauptverantwortung für die Betreuung ihrer Kinder zu übernehmen, werden Väter nicht selten von ArbeitgeberInnen schief angeguckt, wenn sie einen Teil der Elternzeit nehmen wollen. Nicht selten halten Frauen auch selbst an tradierten Rollenbildern fest, weil sie für sich keine andere lebbare Lösung erkennen.

Viel zu sehr sind beide Geschlechter in ihren Prägungen, in ihren jeweils unterschiedlichen Einfluss- und Gestaltungspotenzialen auf alle Bereiche des Lebens miteinander verwoben, viel zu sehr ist die Benachteiligung des einen mit der Privilegierung des anderen Geschlechts verbunden, als dass ein einseitiger Blick darauf die Probleme lösen könnte.

Um die verschiedenen Aspekte der Diskriminierung von Frauen und von Männern identifizieren zu können, müssen beide Perspektiven unter die Lupe genommen werden. Um konstruktiv wirksame Alternativen und Strategien dagegen zu setzen, bedarf es der strategischen Partnerschaft und des konstruktiven Streits zwischen interessierten und engagierten Frauen und Männern.

Schaut man noch genauer hin, wird schnell klar, dass nicht nur das Geschlecht als „Platzanweiser“ im realen Leben wirkt. Auch andere soziale Kategorien entscheiden unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen darüber, wer über welche Ressourcen verfügt und wem welche Lebens- und Teilhabechancen zugeteilt werden. Das Alter, die ethnische Herkunft, die Erstsprache, die Hautfarbe, körperliche oder seelische Besonderheiten, die individuelle Leistungsfähigkeit, die sexuelle Orientierung, Armut oder Reichtum und vieles andere mehr gehören dazu. Menschen – Frauen und Männer – leben an den Schnittstellen dieser Kategorien, die ihr Leben in sehr unterschiedlicher Weise beeinflussen. So vermag es der akademisch gebildeten Frau mit heller Hautfarbe vergleichsweise besser gelingen, ihr Leben selbst bestimmt zu gestalten als dem Einwanderer afrikanischer Herkunft mit hierzulande unbekannten und nicht wertgeschätzten Bildungsabschlüssen.

Nimmt man dieses komplexe und auf vielfältige Weise verwobene Geflecht aus Privilegierungen und Benachteiligungen entlang dieser verschiedenen Kategorien in den Blick, wird sofort klar, dass der reduzierte Blick auf die Geschlechterfrage zu kurz greift, auch wenn sie unbestreitbar eine zentrale Stellung hinsichtlich der zugewiesenen Lebenschancen einnimmt. Im Diskurs über politische Alternativen müssen deshalb alle diese Perspektiven und Schnittpunkte – an zentraler Stelle dabei die Geschlechterperspektive – mitgedacht und diskutiert werden. Vorhandene und zu entwickelnde politische Konzepte müssen danach befragt werden, wie sie auf die unterschiedlichen Lebenslagen von Menschen, von Frauen und von Männern, wirken, welche Potenziale sie besitzen, um sie zu verändern, und auch danach, welche Gefahren darin lauern, sie fortzuschreiben oder gar zu zementieren. Dieser Grundsatz muss für alle politischen Handlungsfelder gelten.

Aus dieser Erkenntnis heraus entstand bei einer Reihe von Mitgliedern und SympathisantInnen der Partei DIE LINKE – Frauen und Männer – der Wunsch, eine gemeinsame Plattform für eine moderne linke Geschlechterpolitik zu gründen: das Forum linke Geschlechterpolitik.

Wir wollen, dass die Frage der Gleichstellung der Geschlechter in ihrer Vielschichtigkeit selbstverständlicher Bestandteil der Politik der Partei DIE LINKE, ihrer praktischen Politik und organisatorischen Verfasstheit, wird.

Es soll ein Netzwerk entstehen, um Debatten anzuregen, Standpunkte auszutauschen, Informationen weiterzugeben und Kontakte aufzubauen. Ein gewichtiges Instrumentarium soll dabei ein neues Internetforum sein. Hier sollen Fragestellungen von besonderem Interesse gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft, dem politisch-institutionellen Bereich und dem außerparlamentarischen Aktionsfeld transparent und unter Einhaltung klarer demokratischer Regeln diskutiert und für die praktische Politik auf jeder Ebene nutzbar gemacht werden. Dieses Forum kann jederzeit ergänzt werden und steht allen offen, die sich für eine moderne linke Geschlechterpolitik interessieren und engagieren.

Es sollen mit Hilfe dieses Forums Konzepte erarbeitet und Vorschläge gemacht werden, politische Beratung soll ermöglicht und ein linker geschlechterpolitischer Diskurs in der Partei DIE LINKE und darüber hinaus initiiert werden. Wissen, Engagement und Interesse sollen vernetzt werden.

Wir wünschen uns dabei viele Unterstützerinnen und Unterstützer, die das Entstehen eines solchen Netzwerkes aktiv begleiten und sich im Rahmen der jeweils möglichen Ressourcen an Zeit, Kraft und materiellen Möglichkeiten einbringen.

Wir wollen eine effektive, substanzielle und zugleich lebendige Netzwerkarbeit, um dabei mit den individuellen Möglichkeiten einer jeden und eines jeden sehr verantwortungsvoll umzugehen. Wir wollen uns einmischen in die politischen Debatten in den Gremien innerhalb der Partei DIE LINKE.

Alle, die sich für eine moderne linke Geschlechterpolitik interessieren und engagieren wollen, sind herzlich willkommen auf:  www.forum-linke-geschlechter-politik.de

Uta Blume, Birke Bull, Christian Schenk
haben das Forum zu linker Geschlechterpolitik initiiert.