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Redebeitrag zur Namensgebung des neuen Planetariums

An dieser Stelle dokumentieren wir den Redebeitrag von Katja Müller zur Namensgebung des neuen Planetariums Halle aus der Stadtratssitzung am 24.02.2021:

Die Entscheidung des Kulturausschusses vor drei Wochen, den Namen Sigmund Jähn für das neue Planetarium in Halle abzulehnen, war nicht unumstritten. Ich hatte gehofft, dass die Debatte bis zum heutigen Tag noch intensiver hätte geführt werden können.  Bekanntermaßen hat ein anderes Thema die politische Diskussion in den vergangenen Tagen bestimmt. Ein Thema, das den Stadtrat unausweichlich beschäftigen musste. Und doch hat mir zugegebenermaßen das Herz dabei geblutet, meine Energie nicht so, wie ich es mir gewünscht hatte, in unseren Antrag für ein Sigmund-Jähn-Planetarium in Halle stecken zu können.

Von Befürwortern und Gegnern unseres Namensvorschlags für das neue Planetarium ist viel zum Kosmonaut und zum Mensch Sigmund Jähn gesagt und geschrieben worden. Vor allem aber haben Stimmen beider Seiten viel über einen gesellschaftlichen Konflikt erzählt, der 30 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch zwischen Ost- und West existiert aber auch in der ostdeutschen Gesellschaft in sich immer noch tiefe Gräben reißt. Es geht um die Frage, ob und wie Lebensleistungen, Errungenschaften oder Persönlichkeiten gewürdigt werden können, die in der DDR erbracht wurden bzw. in Repräsentanz des DDR-Systems gewirkt haben.

In einer Bundestagsrede zur Geschichte der Vertreibung sagte der ehemalige CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl 1995: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten“.

Ich denke, das war ein sehr kluger Satz, der ohne Umschweife auch auf die Geschichte der deutschen Teilung und der Wiedervereinigung zutrifft. Und ja, dazu gehört, Unrecht in der DDR aufzuarbeiten und Leid und Repressalien vieler Menschen, die sich in Opposition zum DDR-System bewegt haben, anzuerkennen und zu rehabilitieren. Dazu muss aber auch gehören, anzuerkennen, dass Leistungen und Errungenschaften, die in der DDR erbracht wurden, nicht pauschal und undifferenziert unter den Tisch gekehrt werden können. Und dass es viele Menschen in der DDR gab, die einfach nur ihr Leben lebten, Erinnerungen und Identifikationsfiguren haben und ihnen nach 30 Jahren nicht immer noch erklärt werden kann, dass das alles nichts wert ist, nur, weil sie in der DDR aufgewachsen sind.

Ja, Sigmund Jähn repräsentierte auch das DDR-System. Aber Sigmund Jähn war nicht Erich Mielke. Er war jemand, der den Mut hatte, sich in eine Rakete zu setzen, als die bemannte Raumfahrt noch in den Kinderschuhen steckte. Er war der erste Deutsche im All, menschlich integer und jemand, der einer ganzen Generation Menschen in der DDR zeigte, was man als einfacher Junge aus Morgenröthe-Rautenkranz erreichen kann. Sigmund Jähn hat im Weltall auf eine scheinbar grenzenlose Erde geblickt. Das hat ihn geprägt als jemand, der sich zeitlebens für Verständigung über Grenzen hinweg eingesetzt hat. Das Lebenswerk Sigmund Jähns und seine Verdienste um die Luft- und Raumfahrt erstrecken sich über das Ende der DDR hinaus. Nicht nur der derzeit bekannteste deutsche Astronaut Alexander Gerst beruft sich darauf, auf den Schultern Sigmund Jähns ins All geflogen zu sein.

Ich glaube, dass der undifferenzierte Umgang mit DDR-Vergangenheit in 30 Jahren Wiedervereinigung auch tiefe Wunden gerissen hat. Das eine schließt das andere nicht aus. Es muss möglich sein, DDR-Unrecht zu verurteilen aber auch anzuerkennen, dass nicht alles zweiter Klasse war, was in der DDR gelebt, erlebt, erreicht und vollbracht wurde. Indem auch das neue Planetarium in Halle den Namen Sigmund Jähn trägt, wird diese Wunde nicht verheilen.

Aber es ist eine Chance, eine gesamtdeutsche Erinnerungs- und Anerkennungskultur anders - eben gesamtdeutscher - als in den vergangenen 30 Jahren zu gestalten und vielleicht ein kleines, wenn auch symbolisches Pflaster auf diese Wunde zu kleben. Ich persönlich hatte tatsächlich nicht geglaubt, dass wir in der Debatte um DDR-Vergangenheit scheinbar noch nicht ein Stück weiter gekommen sind in den letzten 30 Jahren.

Aber egal, wie die Entscheidung heute fällt – es war und ist richtig, den Vorschlag, das neue Planetarium nach Sigmund Jähn zu benennen, gemacht zu haben. Und wenn es am Ende nur gebracht hat, dass wir diese gesellschaftlich notwendige Diskussion geführt haben, um es – so der Antrag heute abgelehnt wird – beim nächsten Mal vielleicht besser, differenzierter und versöhnlicher zu machen. Ich wünsche mir, dass wir es nach der Entscheidung im Kulturausschuss schon heute besser machen und bitte, unserem Antrag zuzustimmen.


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